Antworten zu häuslicher Pflege,
Gesundheit und Wohnen im Alter

24. August 2017

Buchtipp: Altern will gelernt sein

Buchtipp: Altern will gelernt sein

Dr. Mechtild Flotho, Medizinaloberrätin i. R, Jahrgang 1932, hat zusammen mit dem Hamburger Journalisten Harald Schiller ein empfehlenswertes Buch zum Thema Alter geschrieben: La Tercera Edad – Das dritte Alter. Wir haben mit ihr gesprochen.

Mechthild Flotho plädiert für einen neuen, optimistischen Blick auf die dritte Lebensphase, im spanischen „La Tercera Edad“ genannt. In ihrem Werk erzählt die ambitionierte Hobbymalerin aus ihrem Leben. Sie schildert Wendemarken, Katastrophen und Glücksfälle. Und sie berichtet von den Chancen, die ihr persönliches Wachstum in schwierigen Lebensphasen ermöglichten.
Im Interview erzählt sie, warum aus ihrer Sicht Glück und Zufriedenheit im Alter vor allem mit der eigenen Einstellung, mit eigenem Handeln, frischen Ideen und mit Kommunikation zu tun haben. Die Fragen stellte Heinrich-Peter Ogen.

Frau Dr. Flotho, Sie haben mit 84 Jahren ein Buch über das Älter werden und das Alter geschrieben. Warum?

Dr. Mechtild Flotho: Ich möchte für das Alter werben! Es gibt gute Gründe, sich auf diese Lebensphase zu freuen. Davon möchte ich auch junge Menschen überzeugen. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass ein gutes Alter nur selten gelingt, wenn wir uns nicht auf diese Lebenszeit vorbereiten. Glück und Zufriedenheit im Alter hat, neben genetischen Dispositionen, mit der eigenen Einstellung, mit eigenem Handeln und frischen Ideen zu tun.

Wie können wir mit eigenem Handeln dazu beitragen?

Eine positive Haltung und neue Interessen muss man in früheren Jahren finden und entwickeln. Wenn der tägliche Weg zur Arbeit Vergangenheit ist, ist es dafür häufig zu spät. Auch mir blieb während meiner Zeit als Ärztin, Ehefrau und Mutter für solche Gedanken wenig Raum und ich musste dazu lernen. Heute weiß ich um die verlockenden Perspektiven des Alters! Lebenslanges Lernen ist schon lange ein großes Thema, niemand kommt mit seinem Schul- und Studienkenntnissen mehr durchs ganze Leben. Das ist nicht anders, wenn es darum geht, zu lernen, alt zu werden.

Wie kann ein gutes Alter gelingen?

Wir leben unter viel besseren Bedingungen als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Krankheiten können wirkungsvoller behandelt werden. Die Ernähung hat sich verändert. Ähnliches gilt für die Alltagshygiene. Die Lebenserwartung hat sich in Deutschland und in vielen anderen Industrienationen in den letzten 100 Jahren aus diesen Gründen fast verdoppelt. Diese Zeit lädt zur aktiven Gestaltung ein! Die positive Haltung erreicht man nur über eine gute Vorbereitung. Man sollte über das Alter nicht nur reden und nachdenken. Viel besser wäre ein Ort, der Menschen auf das Alter vorbereitet. Und zwar ohne diese Phase zu verklären oder zu dramatisieren, Akademie des Alterns nenne ich diesen Ort.

Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Besuch der Akademie des Alters?

Neue Interessen muss man in früheren Jahren entwickeln. Menschen sollten Seminare besuchen, bevor ihr Berufsleben endet. Anschließend kann man umsetzen, was man in der Akademie des Alterns  gelernt hat. Dann ist die beste Zeit, um Weichen zu stellen. Verkürzen nicht Krankheiten oder Unglücksfälle unser Leben, wird jeder von uns ein alter Mensch. Nicht zuletzt den Fortschritten der Medizin ist es zu verdanken, dass vielen Menschen im Ruhestand noch mehrere Jahrzehnte gegeben sein können.

Viele Menschen fallen mit dem Beginn ihres Ruhestandes in ein Loch. Was passiert da genau?

Wenn die Abschiedsworte verklungen sind, der Schreibtisch geräumt ist und die Schlüssel abgegeben sind, müssen Anerkennung und Status anders verdient werden. Die Erfahrung zeigt, dass vergangene Erfolge und Ideen schnell welken. Wer jedoch geistig und körperlich in Bewegung bleibt, lebt länger jung! Wenn man sich – im Fernsehsessel – zur Ruhe setzt, hat dies nachteilige Folgen nicht nur für unsere Psyche, sondern auch für den Stoffwechsel. Die Fettmasse nimmt zu, die Muskelmasse ab, Schlaganfall und Herzinfarkt sind damit programmiert.
Diese Zeit aber, das weiß ich heute, ist, wenn man sie bewusst erleben darf, eine ganz besondere Zeit. Sie wird uns geschenkt. Es ist eine Lebensphase ohne nervenaufreibende Pflichten und Reglementierungen. Vor allem aber kann es eine Zeit voller Freiheit und Selbstbestimmung sein, auf die es sich zu freuen lohnt. Gleichzeitig bedarf es bestimmter Fähigkeiten und Kenntnisse, um diese Zeit zu meistern. Und damit meine ich nicht die hässlichen Telefone mit den großen bunten Tasten für alte Menschen mit Sehproblemen (lacht).

Sie zeichnen ein optimistisches Bild von den Möglichkeiten, den Verlauf unseres Alters selbst zu gestalten. Warum?

Es zählt zu den erfreulichen Erkenntnissen der Wissenschaft, dass Gesundheit und Wohlbefinden in erheblichem Maß auch in unseren eigenen Händen liegen. Unser Lebensstil ist, wenn keine gravierenden Erbkrankheiten vorliegen, wichtiger als der Einfluss der Gene. Die Verlängerung der Lebensspanne erscheint uns dann als besonders wertvoll, wenn auch die Lebensqualität im gewonnenen Zeitraum stimmt. Aber noch eine ganz andere Entwicklung innerhalb der letzten 50 Jahre prägt die gegenwärtige Situation!

Welche Entwicklung meinen Sie?

In der Vergangenheit fühlten sich die Menschen früher alt.

Alte Menschen beklagen trotzdem, dass sie mit vielen Entwicklungen nicht mehr mithalten. Können Sie diese Klagen verstehen?

Selbstverständlich! Unsere Welt wird zweifellos immer komplizierter. Aber In allen Lebensphasen lernen wir und nutzen schließlich Neues. Auch beim Älterwerden sollten wir uns nicht zurückziehen und von wichtigen Entwicklungen abkoppeln. Glücklicherweise verhilft älteren Menschen gesunde Lebenserfahrung aber auch dazu, nicht mehr jedem Trend hinterherlaufen zu müssen…

Wie behält man da eine gute Balance?

Man sollte begreifen, was im Alter möglich ist. Über das Lernen einer fremden Sprache, die das Gehirn trainiert bis zu selbst organisierten Reisen, bei denen man sich mithilfe dieser Sprache in einem fremden Land verständigen kann. Wer nicht mehr berufstätig ist, wird für seine Umwelt schnell unsichtbar, das zeigen neue Studien. Fähigkeiten, die brach liegen, verkümmern dann nachweislich schnell. Im Gegensatz dazu tragen Aktivitäten und Herausforderungen zu unserer Entwicklung bei.

In Ihrem Buch machen Sie sich auch Gedanken über das Wohnen im Alter. Was empfehlen Sie den Lesern?

Vor der Frage nach guten Wohn- und Lebensformen im Alter werden in Zukunft immer mehr Menschen in Deutschland stehen. Wäre ich jünger, würde ich unser Haus in Hofgeismar umbauen lassen! Vor einigen Jahren hatte ich mich mit einem befreundeten Architekten beraten. Die Vorstellung jetzt, nach dem Tod meines Mannes in einer Wohngemeinschaft mit einem weiteren Ehepaar oder einzelnen älteren Damen zu leben, übt einen großen Reiz auf mich aus. Wir könnten bald gemeinsam Pflegehelfer engagieren.
Daran habe ich viele Jahre gedacht – aber den richtigen Zeitpunkt verpasst! Man sollte schon beim Bau eines Hauses daran denken. Das sollte in einer Akademie des Alterns gelehrt werden, die Funktion eines Gebäudes muss sich ändern können. Das sind interessante Aufgaben übrigens nicht nur für Architekten, sondern auch für Stadtplaner. Längst gibt es viele gute Beispiele für solche Wohnprojekte.

Welches fällt Ihnen ein?

Ich habe immer den ehemaligen Bremer Oberbürgermeister Henning Scherf bewundert. Er lebt mit seiner Frau Luise in einer Hausgemeinschaft, direkt in der Bremer Innenstadt. Diese Gemeinschaft hatte er bereits 1987 gegründet, mit zehn Freunden, die er als seine Wahlfamilie bezeichnet. Diese Art des Zusammenlebens ist eine Chance für eine alternde Gesellschaft.

Flotho Lesung 2016 III

Dr. Mechtild Flotho bei einer Lesung in ihrer Heimatstadt Hofgeismar. Links im Bild: Co-Autor Harald Schiller. Fotos: Barbara Kloth/geschichtenwerft

In Ihrem Buch geben Sie sieben Tipps, damit das Alter gelingt. Welches sind die drei wichtigsten?

Im Mittelpunkt meiner Philosophie steht die Kommunikation mit anderen Menschen. Zwar braucht jeder manchmal sein Schneckenhaus. Doch der Austausch mit Anderen ist der Königsweg zum erfüllten Alter. Man muss sich aufmachen, das Schneckenhaus verlassen. Geht raus, wenn ihr jung seid. Und geht auf Menschen zu, wenn ihr alt seid. Bleibt neugierig, pflegt Kontakte und knüpft neue. Das ist eine Hauptsache im Alter. Mit anderen Menschen zu sprechen, sich für deren Meinung, Leben und Geschichten zu interessieren. Dazu gehört Interesse an Menschen und Offenheit für andere Meinungen und Perspektiven!

Welcher Tipp folgt als nächster?

Viele meiner Leserinnen und Leser sind zunächst überrascht! Aber meiner Erfahrung nach ist ein strukturierter Tagesablauf für Menschen im Ruhestand eine absolute Notwendigkeit!

Warum?

Der innere Schweinhund ist ein kluges Tier, man kann ihn nur mit Disziplin besiegen! Zu einem guten Leben im Alter gehört deshalb ein regelmäßiger Tagesablauf. Verschlaft nicht euer Leben! Die Mahlzeiten sollten nach einem bestimmten Rhythmus eingenommen werden, statt dem Dosengericht gehören frische und gesunde Speisen auf den Tisch.

Und schließlich der Tipp Nr. 3?

Sportliche Betätigung ist wichtig, gerade im Alter. Bewegung, Sport und Tanz sind – soweit körperlich möglich – nicht nur für Muskulatur, Kreislauf und unsere geistige Fitness wichtig. Bewegung setzt im Gehirn Glückshormone frei. Selbst im hohen Alter ist Hockergymnastik oft noch möglich. Alte, bewegt euch!

In Ihrem gerade erschienen Buch „La Tercera Edad – in Bewegung und mit Mut das dritte Alter entdecken und leben“ berichten Sie neben glücklichen Episoden und erfüllenden Wendemarken durchaus auch von Katastrophen und traurigen Zeiten. Trotzdem zieht sich Optimismus als roter Faden durch das Werk. Warum?

Alle Lebensphasen enthalten sonnendurchflutete und dunkle Phasen. Ich erlebte eine behütete Kindheit. Während des Krieges lernte ich Todesangst und Hunger kennen. In der Erwachsenenzeit stehen bei mir Hochzeit, die Geburt gesunder Kinder und berufliche Erfolge einer lange unentdeckten Krankheitsursache gegenüber. Ein unfallbedingter Todesfall führte mich an einen Ort, den zu lieben ich mich erst redlich mühen musste, bevor er mir zur Heimat wurde. Sonnentage und solche mit dunklen Wolken wechselten einander ab als ich älter wurde. Glückliche und erfüllte Momente im Alter, ich erlebe sie in Fülle. Das schließt mein Wissen um abnehmende geistige und körperliche Kräfte nicht aus, auch den Tod müssen wir nicht verdrängen. Er gehört zum Leben.

Ihr Werk ist mittlerweile in mehreren Zeitungsrezensionen besprochen worden, Sie stellen das Buch und Ihre Philosophie mittlerweile auch in öffentlichen Veranstaltungen vor. Was bedeutet Ihnen diese gute Resonanz und wie erleben Sie die Lesungen?

Es freut mich sehr, dass den Menschen das Buch so gut gefällt, sie zum Nachdenken über ihr Leben anregt werden und darüber ins Gespräch kommen. Vor allem freut mich, dass auch viele junge Menschen zu meinen Veranstaltungen kommen. Interessant finde ich übrigens auch, dass die Leser sehr verschiedene Gründe nennen, warum ihnen die Lektüre gefällt. Und nicht zuletzt waren nach dem Tod meines Mannes die vielen Gespräche über „La Tercera Edad – in Bewegung und mit Mut das dritte Alter entdecken und leben“ für mich auch eine Brücke zurück ins Leben!

Frau Dr. Flotho, vielen Dank für dieses Interview!

(Interview: Heinrich-Peter Ogen/geschichtenwerft Hamburg)

Nächster Termin: Am 18. Juli 2016 um 17.00 Uhr stellt Dr. Mechtild Flotho ihr Werk und ihre Philosophie in der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft Hofgeismar eG (Gewob AG), Kasinoweg 35, 34369 Hofgeismar, vor und diskutiert anschließend mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

 

Cover LA TERCERA EDAD

Mechtild Flotho, Harald Schiller:

La Tercera Edad –
in Bewegung und mit Mut
das dritte Alter entdecken und leben.

Boxan Verlag Kassel,
ISBN 978-3-945042-14-4,
18 Euro.