Antworten zu häuslicher Pflege,
Gesundheit und Wohnen im Alter

26. Juni 2017

Eine Versicherung schafft sich ab

Eine Versicherung schafft sich ab

Die Pflegeversicherung sollte Hilfebedürftige aus der Abhängigkeit von der Sozialhilfe befreien. 20 Jahre nach ihrer Gründung ist sie von diesem Ziel weiter entfernt denn je.Laut Daten des statistischen Bundesamtes, über die die Süddeutsche Zeitung berichtet hat, ist die Anzahl der Bezieher der staatlichen „Hilfe zur Pflege“ seit 2005 um fast ein Drittel gestiegen. Damals waren es knapp 340.000 Betroffene, 2013 dagegen 444.000. Fast zwei Drittel von ihnen leben in Heimen.

Entsprechend angestiegen sind die Nettoausgaben des Staates in diesem Bereich: Aus 2,61 Milliarden Euro 2005 wurden 3,34 Milliarden 2013. Tendenz: weiter steigend.

Der Staat und damit die Steuerzahler müssen dann einspringen, wenn die Summe aus Vermögen, Einkommen (Rente), Leistungen der Pflegekasse und Zuschüssen von Angehörigen nicht ausreicht, um die Kosten der Pflege zu decken.

Die bittere Wahrheit hinter diesen Zahlen ist, dass sich die Pflegeversicherung Stück für Stück selbst abschafft. Entstanden war sie vor 20 Jahren aus der Überlegung heraus, dass es für alte Menschen unwürdig und unzumutbar ist, ihr Angehörigen oder das Sozialamt um Hilfe bitten zu müssen, wenn sie pflegebedürftig werden.

Doch der Anteil der Sozialhilfeempfänger unter den Pflegebedürftigen war lediglich in den ersten Jahren nach Einführung der Versicherung gesunken, seitdem steigt er wieder. Wenn heute mehr als 20 Prozent der Pflegebedürftigen zusätzlich auf Hilfe vom Staat angewiesen sind, dann bedeutet das, dass die Versicherung gemessen an ihrem wichtigsten Ziel gescheitert ist.

Immer mehr Sozialhilfeempfänger unter den Pflegebedürftigen gibt es auch deshalb, weil die Preise für Heimplätze drastisch steigen. Und zwar viel stärker als die Erstattung der Pflegekasse. Will sagen: Heute müssen Pflegebedürftige deutlich mehr zuzahlen zu ihrem Heimplatz als früher.

Ein Beispiel: 2005 kostete ein Heimplatz in Pflegestufe I im Bundesdurchschnitt 1854 Euro. Die Pflegeversicherung erstattete 1023 Euro. Aus der eigenen Tasche zu zahlen waren also 831 Euro.

2011 kostete ein solcher Heimplatz durchschnittlich 2500 Euro, die Pflegeversicherung erstattete immer noch 1023 Euro. Aus der eigenen Tasche zu bezahlen: 1477 Euro! Wer dazu nicht in der Lage ist, für den springt eben das Sozialamt ein.

Das bedeutet, dass weite Teile der Ausgaben des Staates für „Hilfe zur Pflege“ direkt in die Heime fließen.

Viele Menschen können zu Beginn ihres Heimaufenthaltes die Rechnung noch selbst aus Rente, Ersparnissen und Leistungen der Pflegekasse begleichen. Doch die Ersparnisse sind irgendwann weg, das Heim wird immer teurer, und dann geht es ohne Sozialamt nicht mehr.

Bessern wird sich diese Situation nicht, im Gegenteil. Denn erstens geht die Schere zwischen den Preisen für professionelle Pflege und den Leistungen der Pflegekasse mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit weiter auf, zweitens kommen mit den geburtenstarken Jahrgängen ab ca. 2035 auch sehr viele Menschen ins Pflegealter, die schlecht vorgesorgt und deshalb nur eine kleine Rente zu erwarten haben.

Lösen ließe sich das Problem, wenn man entweder die Beiträge zur Pflegeversicherung drastisch erhöhen, oder eine einheitliche Bürgerversicherung schaffen oder die Pflege ganz offiziell wieder aus Steuergeldern bezahlen würde.