Antworten zu häuslicher Pflege,
Gesundheit und Wohnen im Alter

24. August 2017

Pflege vor Rehabilitation

Pflege vor Rehabilitation

Der Gesundheitsminister will bis zur nächsten Bundestagswahl die große Pflegereform und das neue Begutachtungsverfahren durchsetzen. An einem Kernproblem der Versicherung, das Hermann Gröhe selbst benennt, ändert das nichts.

Geplant ist die umfassende Reform seit 2006: Durch ein neues Begutachtungsverfahren und mehr Pflegestufen will man wegkommen vom viel kritisierten „Verrichtungsbezug“: Statt ausschließlich den Hilfebedarf bei praktischen Verrichtungen wie Essen oder Körperpflege zu messen, soll die Versicherung auch die Fähigkeit zur Kommunikation und sozialen Teilhabe berücksichtigen.

Angedacht sind mehr Pflegestufen und ein geändertes Begutachtungsverfahren. Wie das genau aussehen soll, damit beschäftigten sich in den zurückliegenden neun Jahren mehrere Beiräte, runde Tische und Modellprojekte. Umgesetzt wurden die Ideen trotz wiederholter Ankündigungen bisher nicht.

Das soll sich jetzt ändern. Der aktuelle Gesundheitsminister Hermann Gröhe sagte jüngst in einem Interview, in den vergangenen Jahren sei man wegen der wirtschaftlichen Lage und der Kosten vor der großen Reform zurückgeschreckt. Aktuell aber sei allen klar, dass die Reform nötig ist.

Deshalb will er sie noch in dieser Legislatur, also spätestens bis 2017, verwirklichen. Viel verspricht sich der Gesundheitsminister vor allem von einem geänderten Begutachtungsverfahren, das sich weniger um „Defizite“ und ihrem Ausgleich und mehr um die (Wieder-)teilhabe am Leben dreht.

Hermann Gröhe „Den Grundsatz ‚Ambulant vor stationär‘ kennen die meisten. Schließlich will man am liebsten in den eigenen vier Wänden alt werden. Weniger verankert ist der Grundsatz ‚Reha vor Pflege‘. Rehabilitation auch im Rentenalter kann helfen, länger selbständig leben zu können. Der Medizinische Dienst führt jedes Jahr mehr als eine Million Begutachtungen durch, gibt aber nur in 5000 Fällen eine Empfehlung zur Rehabilitation ab. Das darf und kann so nicht bleiben. Das neue Begutachtungssystem wird dem Bedarf an Rehabilitation besser gerecht.“

Vielleicht, ein wenig. Dass aber in Zukunft radikal häufiger Rehamaßnahmen durchgeführt werden, bevor eine Pflegestufe zugesprochen wird, damit ist nicht zu rechnen.

Aus mehreren Gründen. Der erste: die Betroffenen wollen es gar nicht. Katrin Breuninger vom MDS, dem Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen: „Die Versicherten erwarten die Einstufung in eine Pflegestufe und in der Regel nicht die Empfehlung zu einer medizinischen Rehabilitation.“

Auch weil sie befürchten, keine oder eine geringere Pflegestufe zu bekommen, wenn sie sich auf die Rehabilitation einlassen. Die Ängste bestehen zu Recht; schließlich dient die Reha ja dazu, dass es den Menschen hinterher besser geht als vorher und sie dadurch wieder selbständiger werden. Und dann brauchen sie auch weniger Pflege und damit weniger Leistungen von der Versicherung.

Außerdem, so der MDS, geht es bei der Begutachtung primär um die Frage der Pflegebedürftigkeit. Katrin Breuninger: „Die Feststellung einer Rehabilitationsindikation ist nicht originäre Aufgabe einer Pflegefachkraft.“ Was auch darin liegt, dass diese Feststellung komplex ist und der MDK-Gutachter kein Arzt.

Um dennoch die nicht nur von Hermann Gröhe kritisierte niedrige Zahl der Reha-Empfehlungen zu erhöhen, hat der Medizinische Dienst das Projekt „Reha XI“ inklusive wissenschaftlicher Begleitung durchgeführt. Mit Hilfe einer Prozessanalyse wurde dabei ein sogenannter Gute-Praxis-Standard für die Begutachtung entwickelt.

Ziel ist es, durch a) bessere Schulung der Gutachter und b) gutes Infomaterial für die Pflegebedürftigen die Reha-Quoten zu steigern. Der „Optimierte Begutachtungsstandard“ wird seit dem 1. Januar 2015 in ganz Deutschland angewandt.

Am Kernproblem, das Pflegebedürftige lieber Geld von der Kasse als eine aufwändigen Reha wollen, wird das allerdings nichts ändern. Lösen ließe sich das dadurch, dass man Pflege- und Rehabegutachtung voneinander trennt. Katrin Breuninger vom MDS: „Es kann sein, dass die Bereitschaft zur Rehabilitation deutlich steigt, wenn im Vorfeld bereits eine Pflegestufe erteilt wurde, wenn der Betroffene also sicher sein kann, dass er auch dann Leistungen erhält, wenn er der Rehabilitation zustimmt.“

Allerdings ist auch in jener ‚großen Pflegereform‘, die Herman Gröhe jetzt so schnell wie möglich durchziehen will, ein solches zweistufiges Begutachtungsverfahren nicht vorgesehen.

Und selbst wenn: Im Grunde handelt es sich bei diesem Ansatz um einen besonders absurden Versuch, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Erst genehmigt man dem Betroffenen eine Pflegestufe, das heißt eine Zahlung für das Managen seiner (zumeist körperlichen) Gebrechen. Und anschließend (nicht vorher) verpasst man ihm eine Rehabilitationsmaßnahme mit dem Ziel, dass seine Gebrechen geringer werden und er weniger Leistung von Pflegeversicherung in Anspruch nehmen muss…

Die Diskussion um Pflege und Reha ist vor allem eins: der nächste Beweis dafür, dass die Pflegeversicherung mehr Konstruktionsfehler hat als ein Hund Flöhe.