Antworten zu häuslicher Pflege,
Gesundheit und Wohnen im Alter

23. Oktober 2017

Pflegekräfte auf der Flucht

Pflegekräfte auf der Flucht

Der Sozialverband SoVD sieht die Altenpflege in Deutschland wegen fehlender Fachkräfte vor dem Kollaps. Dabei gäbe es eine naheliegende und wirkungsvolle Lösung des Problems.Der Personalmangel in der Altenpflege wird noch schlimmer werden. Das ist die wichtigste Botschaft des aktuellen Positionspapier „Gute Pflege braucht starke Kräfte“ des SoVD. Der sozialpolitische Interessenverband gesetzlich Versicherter hat mehr als eine halbe Million Mitglieder.

Ursachen für den Notstand, so SoVD-Präsident Adolf Bauer, seien mangelhafte Ausbildung, schlechte Arbeitsbedingungen und der demografische Wandel. Der Bedarf an Fachkräften werde rasant steigen, deshalb gelte es nun, „die Voraussetzungen für eine würdevolle Pflege zu schaffen.“

Aus Sicht des Sozialverbandes braucht es dazu vor allem eine angemessenere Bezahlung von Pflegekräften und ein wertschätzendes Personalmanagement in den Heimen. „Die permanente Überbelastung führt zu Arbeitsunzufriedenheit, die sich negativ auf die Pflegequalität auswirkt“, warnt der SoVD.

Und auf die Gesundheit von Pflegeprofis. Deren Krankenstand ist so hoch wie seit sechs Jahren nicht mehr, wie die Krankenkasse AOK Bayern ermittelt hat. Demnach waren Menschen in Pflegeberufen im vergangenen Jahr durchschnittlich 22 Kalendertage krank, das ist ein Drittel mehr als in anderen Berufen.

Häufig sind bei Pflegekräften seelische und Muskel-Skelett-Erkrankungen. «Die Beschäftigten müssen viel im Stehen arbeiten, schwer heben und begleiten darüber hinaus Menschen beim Sterben – das alles belastet», so die AOK Bayern in einer Erklärung.

Ein Job, den kaum jemand machen will. «Es wird jedes Jahr schwieriger, unsere Ausbildungsplätze zu besetzten», zitiert die AOK den Nürnberger Pflegeheimleiter Andrew Scheffel. Pflege habe nicht den besten Ruf.

Problematisch ist das auch deshalb, weil der Bedarf an Pflegekräften laut SoVD-Positionspapier deutlich steigen wird, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der um 1960 Geborenen ins Pflegealter kommen. Gleichzeitig sinkt die Anzahl der Jüngeren, die (auch) in der Pflege arbeiten könnten – wenn sie denn wollten.

Der Mangel kann also dramatisch werden – muss er aber nicht. Denn das Problem ist durchaus lösbar. Wie, darauf gibt der Sozialverband selbst in dem zitierten Positionspapier einen Hinweis: Wenn sich das Berufsbild durch attraktivere Arbeitsbedingungen zum Positiven wende, könnten ausgestiegene Fachkräfte reaktiviert werden.

Und Ausgestiegene gibt es viele in diesem Job: Altenpflegekräfte arbeiten durchschnittlich 8,4 Jahre in ihrem Beruf, Pfleger in Krankenhäusern dagegen 13,7 Jahre. Wenn Altenpfleger so lange blieben wie Krankenpfleger, ließe sich die Personallücke in der Altenpflege bis zum Jahr 2050 voraussichtlich um 60 Prozent verringern. Das hatte bereits vor einigen Jahren das Forschungszentrum Generationenverträge der Universität Freiburg in Kooperation mit der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) herausgefunden.

In einer längeren Berufsverweildauer liegen also große Chancen für die Branche. Ein erster Schritt dazu ist die Ausbildung, auch das fanden die Forscher heraus: Je länger (und damit besser) ausgebildet die einzelne Pflegekraft ist, desto länger bleibt sie. Darüber hinaus müssten sich natürlich – wie bereits angesprochen – die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung deutlich verbessern, um den Beruf sowohl für Neueinsteiger als auch für Rückkehrer attraktiver zu machen.